Buchauszug aus Der Papalagi
Vom Ort des falschen Lebens
ISBN 978-3-0350-2900-0



Viel hätte euch, liebe Brüder des großen Meeres, euer demütiger Diener zu sagen, um euch die Wahrheit über Europa zu geben. dazu müßte meine Rede sein wie ein Sturzbach, der vom Morgen bis zum Abend fließt, und dennoch würde eure Wahrheit unvollkommen sein, denn das Leben des Papalagi ist wie das Meer, dessen Anfang und Ende man auch nie genau abschauen kann. Es hat ebenso viele Wellen wie das große Wasser; es stürmt und brandet, es lächelt und träumt. Wie sieses nie ein Mensch mit hohler Hand ausschöpfen kann, so kann ich auch nicht das große Meer Europas zu euch tragen mit meinem kleinen Geiste.

Aber davon will ich nicht säumen, euch zu berichten, denn wie das Meer nicht ohne Wasser sein kann, so das Leben Europas nicht ohne den Ort des falschen Lebens und nicht ohne die vielen Papiere. Nimmst du dies beides dem Papalagi, so gliche er wohl dem Fische, den die Brandung aufs Land geworfen hat; er kann nur mit den Gliedern zucken, aber nicht mehr schwimmen und sich tummeln, wie er es liebt.

Der Ort des falschen Lebens. Es ist nicht leicht, euch diesen Ort, den der Weiße Kino nennt, zu schildern, so daß ihr ihn mit euren Augen klar erkennet. In jeder Dorfschaft überall in Europa gibt es diesen geheimnisvollen Ort, den die Mensch lieben, mehr wie ein Missionshaus. Von dem schon die Kinder träumen und mit dem ihre Gedanken sich liebend gerne beschäftigen.

Das Kino ist eine Hütte, größer wie die größte Häuptlingshütte von Upolu, ja viel größer noch. Sie ist dunkel auch am hellsten Tage, so dunkel, daß niemand den anderen erkennen kann. Daß man geblendet ist, wenn man hineinkommt, noch geblendeter, wenn man wieder hinausgeht. Hier schleichen sich die Menschen hinein, tasten an den Wänden entlang, bis eine Jungrau mit einem Feuerfunken kommt und sie dahin führt, wo noch Platz ist, ganz dicht hockt ein Papalagi neben dem anderen in der Dunkelheit, keiner sieht den anderen, der dunkle Raum ist mit schweigenden Mensch gefüllt. Jeder einzelne sitz auf einem schmalen Brettchen; alle Brettchen stehen in Richtung nacher der einen gleichen Wand hin.

Vom Grunde dieser Wand, wie aus einer tiefen Schlucht, dringt lautes Getön und Gesumme hervor, und sobald die Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, erkennt man einen Papalagi, der sitzend mit einer Truhe kämpft. Er schlägt mit ausgespreizten Händen auf sie ein, auf viele kleine weiße und schwarze Zungen, die die große Truhe hervorstreckt, und jede Zunge kreischt laut auf und jede mit einer anderen Stimme bei jeder Berührung, daß es ein wildes und irres Gekreisch verurschacht wie bei einem großen Dorfstreit.

Dieses Getöse soll unsere Sinne ablenken und schwach machen, daß wir glauben, was wir sehen, und nicht daran zweifeln, daß es wirklich ist. Geradevor an der Wand erstrahlt ein Lichtschein, als ob ein starkes Mondlicht darauf schiene, und in dem Scheine sind Mensch, wirkliche Mensch, die aussehen und gekleidet sind wie richtige Papalagi, die sich bewegen und hin- und hergehen, die laufen, lachen, springen, geradeso, wie man es in Europa allerorten sieht. Es ist wie das Spiegelbild des Mondes in der Lagune. Es ist der Mond, und er ist es doch nicht. So auch ist dies nur ein Abbild. Jeder bewegt den Mund, man zweifelt nicht, daß sie sprechen, und doch hört man keinen Laut und kein Wort, so genau man auch hinhorcht und so quälend es auch ist, daß man nichts hört. Und dies ist auch der Hauptgrund, weshalb jener Papalagi die Truhe so schlägt: Er soll damit den Anschein erwecken, als könne man die Mensch nur nicht hören in seinem Getöse. Und deshalb erscheinen auch zuweilen Schriftzeichen and der Wand, die das künden, was der Papalagi gesagt hat oder noch sagen wird.

Trotzdem - diese Mensch sind Scheinmenschen und keine wirklichen Menschen. Wenn man sie anfassen würde, würde man erkennen, daß sie nur aus Licht sind und sich nicht greifen lassen. Sie sind nur dazu da, dem Papalagi alle seine Freuden und Leiden, seine Torheiten und Schwächen zu zeigen. Er sieht die schönsten Frauen und Männer ganz in seiner Nähe. Wenn sie auch stumm sind, so sieht er doch ihre Bewegungen und das Leuchten der Augen. Sie scheinen ihm selber anzuleuchten und mit ihm zu sprechen. Er sieht die höchsten Häuptlinge, mit denen er nie zusammenkommen kann, ungestört und nahe wie seinesgleichen. Er nimmt an großen Essenshuldigungen, Fonos und anderen Festen teil, er scheint selber immer dabeizusein und mitzuessen und mitzufeiern. Aber er sieht auch, wie der Papalagi das Mädchen einer Aiga raubt. Oder wie ein Mädchen seinem Jünglich untreu wird. Er sieht, wie ein wilder Mann einen reichen Alii an der Grugel packt, wie seine Finger sich tief in das Fleich es Halses drücken, die Augen des Alii hervorquellen, wie er tot ist und ihm der wilder Mann sein runden Metall und schweren Papier aus dem Lendentuch reißt. Währenddem mun das Auge des Papalagi solche Freuden und schrecklichkeiten sieht, muß er ganz stille sitzen; er darf das untreue Mädchen nicht schelten, darf dem reichen Alii nicht beispringen, um ihn zu retten. Aber dies macht dem Papalagi keinen Schmerz; Er sieht dies alles mit großer Wollust an, als ob er gar kein Herz habe. Er empfindet keinen Schrecken und keinen Abscheu. Er beobachtet alles, als sei er selber ein anderes Wesen denn der, welcher zusieht, ist immer der festen Meinung, er sei besser als die Menschen, welche er im Lichtschein sieht, und er selber umginge alle die Torheiten, die ihm gezeigt werden. Still und ohne Luftnehmen hangen seine Augen an der Wand, und sobald er ein starkes Herz und ein edles Abbild sieht, zieht er es in sein Herz und denkt; Dies ist mein Abbild. er sitzt völlig unbewegt auf seinem Holzsitz und starrt auf die steile, glatte, Wand, auf der nicht lebt als ein täuschender Lichtschein, den ein Zauberer durch einen schmalten Spalt der Rückwand hereinwirft und auf dem doch so vieles lebt als falschen Leben, Diese falschen Abbilder, die kein wirklichen Leben haben, in sich hineinziehen, das ist es, was dem Papalagi so hohen Genuß bereitet. In diesem dunklen Raum kann er ohne Scham und ohne daß die anderen Menschenseine Augen dabei sehn, sich in ein falsches Leben hineintum. Der Arme kann den Reichen spielen, der Reiche den Armen, der Kranke kann sich gesund denken, der Schwache stark. Jeder kann hier im Dunkeln an sich nehmen und in falschen Leben erleben, was er im wirklichen Leben nicht erlebt und nie erleben wird.

Sich diesem falschen Leben hinzugeben ist eine große Leidenschaft des Papalagi geworden, sie ist oft so groß, daß er sein wirkliches Leben darüber vergißt. Diese Leidenschaft ist krank, denn ein rechter Mann will nicht in einem dunklen Raum ein Scheinleben haben, sondern ein warmes, wirkliches in der hellen Sonne. Die Folge dieser Leidenschaft ist, daß viele Papalagi, die da aus dem Orte des falschen Lebens treten, dieses nicht mehr vom wirklichen Leben unterscheiden können und, wirr geworden, sich reich glauben, wenn sie arm, oder schön, wenn sie häßlich sind. Oder Untaten tun, die sie in ihrem wirklichen Leben nie getan hätten, die sie aber tun, weil sie das nicht mehr unterscheiden können, was wirklich ist und was nicht ist. Es ist ein ganz ähnicher Zustand, wie ihr alle ihn an dem Eurpäer erkennt, wenn er zuviel europäische Kava getrunken hat und glaubt, auf Wellen zu gehen.